Wochenandacht zum Sonntag Jubilate

Jesus Christus spricht: Ich bin der Weinstock,

ihr seid die Reben.

Johannes 15,5

 

Gedanken zum dritten Sonntag in der österlichen Freudenzeit

(Jubilate, 3.5.2020)

Liebe Mitglieder unserer Kirchgemeinde, liebe Schwestern und Brüder im Herrn,

liebe Freunde nah und fern,

Heute, am Sonntag Jubilate, möchte ich Euch erst einmal auf eine kleine Reise mitnehmen. Auf eine virtuelle Reise natürlich. Denn nach wie vor bleiben wir, auch nach der neuen Coronaschutzverordnung aufgefordert, auf private Reisen, Ausflüge und Besuche zu verzichten.

In Gedanken geht es also jetzt nach Südbaden in den Kaiserstuhl, einem der wärmsten Gebiete Deutschlands. Ein wunderbares Anbaugebiet für Obst, Gemüse und Wein. Die vielen Sonnentage und die wunderbaren klimatischen Bedingungen sorgen dafür. Im Frühjahr gibt es schöne saftige Erdbeeren und frischen leckeren Spargel. Und im Herbst hängen die Weinreben voller Weintrauben. Daraus wird dann in den vielen kleinen und großen Winzerbetrieben guter Wein gemacht. Davon ist jetzt im Mai allerdings noch nicht viel zu sehen. Aber bei einem kleinen Spaziergang durch die Weinberge kann man doch schon so einiges entdecken. Die ersten Triebe an den Weinstöcken brechen hervor und suchen Halt am Spalier. Im Winter hat der Winzer das tote Holz vom Vorjahr abgeschnitten. Jeder Zweig ist bis auf ein Minimum eingekürzt. fast unscheinbar wirken die Reben. Noch ahnt man nur, welche Kraft sich hier entfalten wird. Die saftigen Trauben, die Süße, die Würze, davon ist jetzt noch nichts zu sehen. Auch das Wurzelwerk unter der Erde bleibt unseren Augen verborgen. Tief reicht es hinunter in den zumeist vulkanischen Boden. Ein alter knorriger Weinstock kann dabei schon mal bis zu zwanzig Meter in die Tiefe gehen. Über seine Wurzeln ernährt sich der Weinstock. Er nimmt Mineralstoffe aus den verborgenen Gesteinsschichten auf. Ein Wunderwerk der Natur. Ein großes Wunder der göttlichen Schöpfung. Der Weinstock ist von der Wurzel bis zur letzten Rebe ein wahres Kraftwerk.

Dieses Bild vom Weinstock und seinen Reben greift Jesus in einem seiner so genannten „Ich- bin- Worte“ im Johannesevangelium auf: „Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater der Weingärtner. Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, nimmt er weg; und eine jede, die Frucht bringt, reinigt er, dass sie mehr Frucht bringe. Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe. Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht an mir bleibt. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun. Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt die Reben und wirft sie ins Feuer, und sie verbrennen. Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren. Darin wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und werdet meine Jünger.“

Ein großer und wunderbarer Text in der Bibel. Das Bild vom Weinstock und den Reben ist vielen von uns seit Kindesbeinen an bekannt und vertraut. Es beinhaltet so unheimlich viel. Es hat eine ganz großartige und wunderbare Botschaft für uns. Jesus sagt, dass er der Weinstock ist. Wir, die wir an ihn glauben und ihm nachfolgen, sind die Reben. Das bedeutet, dass wir mit unserem auferstandenen und lebendigen Herrn ganz fest verbunden sind, ja verbunden bleiben sollen. Von ihm gehen alle Wachstumskräfte aus und fließen in uns hinein. In dem kleinen Heft „Ein besonderes Geschenk. Vom Wein in der Bibel“ lesen wir dazu: „Nur eine Rebe, die am Weinstock bleibt, kann auch Frucht bringen. Sie wird vom Weinstock ernährt und vor dem Austrocknen und Absterben bewahrt. Es ist die Beschreibung eines lebendigen Prozesses, der uns vor Augen führt, dass wir nicht aus uns selbst heraus leben. Wir brauchen solche organischen Beziehungen wie das Kind seine Mutter, wie die Reben den Weinstock, wie der Mensch seinen Schöpfer. Wir leben davon, dass uns Kraft geschenkt, Mut zugesprochen, Liebe gegeben, Vertrauen entgegengebracht wird und uns Vergebung widerfährt. Und als Frucht können wir anderen das Gleiche entgegenbringen.“     

„Jesus spricht: Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.“ Jesus ist der wahre Weinstock. Bei ihm bekommen wir all das, was wir wirklich brauchen. Aus seiner Quelle können wir schöpfen. Er versorgt uns mit der notwendigen Lebenskraft und Stärke. Bei ihm finden wir Halt und Geborgenheit. Nur so können wir unseren Weg gehen, mit fester Gewissheit uns getroster Hoffnung, mit Mut und Zuversicht, ja manchmal auch mit heiterer Gelassenheit. An ihm, dem Weinstock, können wir im Glauben wachsen, uns entfalten und auch Frucht bringen.

Deshalb ist es wichtig, fest mit ihm verbunden zu sein, bei ihm zu bleiben. Sich allein auf die eigene Kraft und Tüchtigkeit zu verlassen, das geht irgendwann schief. Allein auf die eigene Stärke, die eigenen Möglichkeiten und Fähigkeiten vertrauen, das funktioniert nur in sehr begrenztem Maße. Und ganz verhängnisvoll wäre es, sich total von der Wurzel zu trennen, um auf eigenen Füßen zu stehen. Gerade jetzt spüren wir das auf besonders drastische Weise. Es liegt eben nicht alles in unserer Hand. Wir sind eben nicht die Macher und Bewahrer für die wir uns gerne halten. Es geht eben nicht immer schneller, höher, weiter. Unsere Kräfte und Möglichkeiten sind begrenzt. Unsere Anstrengungen und Bemühungen helfen nur zum Teil. In der momentanen Coronakrise merken wir das sehr deutlich.

Binnen weniger Wochen hat sich so vieles radikal verändert, unser Leben, unser Alltag, unser Miteinander, auch das kirchliche Gemeindeleben. Wir müssen Abstand halten, mit Einschränkungen leben, Hygienevorschriften beachten und Schutzmasken tragen. Wir können uns nicht treffen und einander nicht besuchen. Normalität sieht anders aus. Vieles gerät ins Wanken, ist brüchig geworden. Sicherheiten lösen sich auf. Was gestern noch fest und unerschütterlich schien, beginnt zu wackeln und droht einzustürzen. Der Boden entgleitet uns unter den Füßen. Viele Fragen stehen im Raum. Sorgen treiben uns um, ganz persönliche und wirtschaftliche. Existentielle Ängste nehmen zu.

Wir spüren auf einmal wieder, wie begrenzt unsere Möglichkeiten doch sind, wie bedroht unser Leben doch ist, wie so ein kleines, kaum sichtbares Virus solch eine verheerende Wirkung entfalten kann. Deshalb brauchen wir etwas Festes und Haltbares, etwas Beständiges und Bleibendes.

Wir brauchen einen Halt, der tiefer geht, der auch in Krisenzeiten Standfestigkeit gibt.

Wir brauchen eine Quelle, aus der wir schöpfen können. Die nicht versiegt, sondern auch in Notzeiten Kraft und Stärke geben kann.

Wir brauchen einen Energiespender, der uns mit Mut, Hoffnung und Zuversicht versorgt, wenn die Fragen und Zweifel zunehmen.

Wir brauchen etwas, das stärker ist als Corona, als all unsere Sorgen und Ängste.

Wir brauchen etwas, was uns wirklich trägt, wenn uns der Boden unter den Füßen wegrutscht.

Wir brauchen Licht und Klarheit, damit wir auch Dunkeln den Weg finden und uns die Orientierung nicht verloren geht.

Wir brauchen die feste Verbindung zum Weinstock, zu unserem auferstandenen und lebendigen Herrn.

Das ist ganz wichtig. „Alle Kraft der Pflanze muss in die Frucht.“ So sagen es die Winzer, wenn sie im Winter die Weinrebe beschneiden. Die tiefe Wurzel und der gewaltige Druck bringen den Saft erst in die Reben, dann in die Blätter und schließlich in die Früchte. So ist es auch mit unserem Glauben an Jesus Christus, mit unserem Dranbleiben an ihm, dem wahren Weinstock. Das sind unser Kraftwerk, unsere Quelle, unser Energiespender, unser Halt. Dranbleiben an Jesus Christus, an seinem Wort, am Gebet. Und wo die Verbindung in Ordnung ist, wo die Rebe fest am Weinstock bleibt, da kann sie wachsen und Frucht bringen. Jede Rebe wird auf ihre Art und Weise Frucht in dieser Welt bringen, mit ihren je eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten, jede und jeder so wie er oder sie es kann.

Gerade jetzt in dieser extremen Ausnahmesituation der Coronakrise gibt es da ganz bestimmt eine Menge an Möglichkeiten, für andere Frucht zu bringen. Tun wir es doch auch! Bleiben wir ganz fest mit Jesus Christus, dem wahren Weinstock verbunden. Nur so bekommen wir all das, was zum Leben und Glauben wirklich notwendig ist. „Jesus spricht: Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.“ Ich wünsche uns miteinander, dass wir mit dem wahren Weinstock ganz fest verbunden bleiben. Dass wir von Christus unsere Nahrung und Energie beziehen. Dass wir täglich aus seiner Quelle schöpfen. Dass wir Kraft, Stärke und Hilfe allein von ihm erwarten – für den Glauben und alle Situationen unseres Lebens. Dass wir uns in allem nur auf ihn verlassen. Und das wir dann auch Frucht bringen. So wollen wir mit dem Liederdichter Philipp Spitta bekennen: „Bei dir, Jesu, will ich bleiben, stets in deinem Dienste stehn; nichts soll mich von dir vertreiben, will auf deinen Wegen gehn. Du bist meines Lebens Leben, meiner Seele Trieb und Kraft, wie der Weinstock seinen Reben zuströmt Kraft und Lebenssaft.“ 

Bleiben Sie alle behütet, gesund und gesegnet.

Es grüßt Sie und Euch herzlich

Pfr. Michael Goll