Andacht zur Jahreslosung 2021

Jesus sagt: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. (Lukas 6, 36)

 

Liebe Leserinnen und Leser,

auf Wanderungen in felsigen Landschaften kann man es manches Mal erleben: An einer geeigneten Stelle rufen Sie in die Landschaft hinein, und Ihr Ruf wird vom gegenüberliegenden Felsen zurückgeworfen. Ihr Echo reflektiert genau das, was Sie gesagt haben. Bei einem guten Echo versteht man sein eigenes Wort.

Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist: Auch hier geht es ums Echo. Gott fordert nicht einfach Barmherzigkeit von uns, sondern er selbst behandelt uns barmherzig. Barmherzigkeit ist keine Schwäche, sondern braucht eine besondere Stärke. Ich kann Gottes Erwartungen nicht erfüllen, aber er behandelt mich nicht danach, wie ich es verdient hätte. Wir haben sein Wort, wissen was er von uns will, und bleiben dahinter sehr oft zurück. Gott könnte sich beleidigt fühlen und vielleicht ist er auch beleidigt und enttäuscht von uns. Aber er läßt es sich nicht anmerken. Er sieht, wozu wir fähig sind und hat Verständnis, wenn wir versagen.

Weil Gott barmherzig ist, darum können wir leben. Weil er barmherzig ist, darum trennt Schuld und Versagen uns nicht von ihm. Weil er barmherzig ist, darum haben wir die Chance, immer neu anzufangen bei dem, wo wir versagt haben.

Und nun kommt das Echo: Sind wir ein Echo von Gottes Barmherzigkeit? Wie gehen wir mit unseren Mitmenschen um, die gegen uns schuldig geworden sind oder in unseren Augen versagt haben? Wie gehen wir mit Mitmenschen um, die unseren Erwartungen nicht entsprechen? Wie gehen wir mit jemandem um, der schnell gereizt ist und dann ungemütlich wird? Wie gehen wir mit jemandem um, der eine Aufgabe einfach nicht hin kriegt? Wie gehen wir mit jemandem um, der immer die selben Fehler macht?

Hier ist unsere Geduld gefragt. Geduld ist ein Ausdruck von Barmherzigkeit. Der Barmherzige versucht, den Mitmenschen mit Gottes Augen zu sehen. Gottes Augen sehen unsere Schwächen, unsere Grenzen, unser Versagen, sie sehen, wo wir etwas nicht schaffen, weil es uns überfordert. Sie sehen, wo wir scheitern und schuldig werden, weil wir unsere Grenzen haben und nicht über uns hinaus kommen. Mit diesen Augen sollen wir unseren Mitmenschen sehen, denn Gott sieht uns mit diesen Augen.

Ein neuer Trend ist das Bemühen um Selbstoptimierung. Viele Wirtschaftsunternehmen erwarten, daß ihre Mitarbeiter sich ständig selbst optimieren, also verbessern, mehr aus sich machen, Fehler überwinden, Schwächen zu Stärken verwandeln. Sicher soll jeder an sich arbeiten. Und wir Christen können darauf vertrauen, daß Gott auch an uns arbeitet. Alleine würden wir es nicht schaffen. Aber die ständige Forderung der Selbstoptimierung hat auch etwas Unbarmherziges: Du bist erst akzeptiert, wenn du optimal bist.

Wir müssen unseren Mitmenschen auch zugestehen können, daß sie Schwächen und Fehler haben und ihre Grenzen, so wie wir selbst auch.

Barmherzig mit dem Anderen umgehen, heißt, genau das wahrzunehmen und ihn trotzdem zu akzeptieren, wie er eben ist.

Gott ist barmherzig mit uns.

Ein wie gutes Echo seiner Barmherzigkeit sind wir im Umgang mit unseren Mitmenschen?

Es grüßt Sie herzlich Ihr Pfr. Eckehard Graubner