Andacht September 2019

Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele? (Mt 16,26)

Liebe Leserinnen und Leser,

ein Hoch auf die deutsche Sprache und ihre wunderbaren Konjunktive! Gleich drei davon stecken in dem Bibelvers, der uns durch den September begleitet: hülfe, gewönne, nähme. Ersetzt wird der Konjunktiv häufig mit dem Hilfswort „würde“: „Was würde es dem Menschen helfen,

wenn er die ganze Welt gewinnen würde und würde doch Schaden nehmen an seiner Seele?“ –

„Würde ist kein Konjunktiv!“ Mit diesem raffinierten Slogan machen die evangelischen Schulen in Sachsen auf ihr besonderes Profil aufmerksam: Jeder Mensch ist Gottes Ebenbild, unabhängig von Aussehen, Verhalten, Intelligenz und Sympathie. Das begründet seine Würde, die unantastbar ist und die Folgen für den zwischenmenschlichen Umgang mit jedem Menschen hat. Darauf wird an evangelischen Schulen großer Wert gelegt.

Die evangelische Hilfsorganisation Brot für die Welt setzt sich ebenfalls im besonderen Maß für die Menschenwürde ein und wirbt mit einem ähnlichen Spruch: „Würde sollte kein Konjunktiv sein.“ Weltweit setzt sie sich dafür ein, dass Menschen genug zu essen haben. Es ist wichtig, dass alle Menschen auf dieser Erde genug von dem haben, was sie zum Leben brauchen. Das bringt die Würde mit sich.

„Unser tägliches Brot gib uns heute“ beten wir im Vater unser und meinen genau das damit: dass Gott uns Tag für Tag mit dem Lebensnotwendigen versorgt. Wir bitten nicht um Überfluss, sondern um das Nötigste. Doch wie viel gehört für uns zum Nötigsten? Nun, in dieser Frage gehen die Ansichten auseinander. „Weniger ist mehr“ weiß der Volksmund. Je nach Charakter und Umwelteinflüssen gibt es Menschen, die mit sehr wenig auskommen und darin Genüge haben (müssen). „Weniger ist leer“ lautet ebenfalls ein aufrüttelndes Plakat von Brot für die Welt.

Eine Geschichte der Bibel verdeutlicht wie keine andere, wie viel genug ist. Es ist die Geschichte vom Volk Israel, das durch die Wüste zieht und von Gott mit Manna und Wachteln versorgt wird. Jeden Tag sollen sie so viel davon essen, wie sie brauchen, so viel, bis sie satt sind. Aber sie dürfen nichts davon auf Vorrat sammeln (außer für den Ruhetag). Sobald sie sich aus Angst davor, am nächsten Tag zu wenig zu haben, Vorräte anlegen wollen, wird das Manna schlecht und verdirbt. Wie viel genug ist, ist dabei für jeden unterschiedlich: „Die Israeliten taten’s und sammelten, einer viel, der andere wenig“ (Ex 16,17). Jede und jeder hat ein unterschiedliches Maß dessen, was er oder sie zum Leben braucht.

In unserer heutigen Zeit, wo es beinahe alles im Überfluss zu geben scheint (doch der Schein trügt, vgl. „Erdüberlastungstag“!), hat dies zur Folge, dass manche Menschen mehr zu brauchen meinen, als sie tatsächlich brauchen. Jugendliche haben durchaus ein gutes Gespür dafür, was sie wirklich brauchen. Unsere Konfis zählten auf: „Meine Familie, meine Freunde, mein Handy und Musik. Ach so, und Essen und Trinken natürlich.“ Ja, das Leben ist mehr als Essen und Kleidung, denn auch die Seele will leben! Deswegen ist auch das Handy kein Luxus mehr, sondern die übliche Form, mit allen geliebten Menschen in Verbindung zu bleiben. Nicht anders ergeht es den Menschen, die nach ihrer Flucht bei uns eine neue Heimat suchen. Die wenigsten von ihnen sind am Überfluss interessiert, stattdessen ist ein menschenwürdiges Auskommen ihr Ziel.

Würde ist kein Konjunktiv, kein ausweichendes Hilfswort, keine Möglichkeit unter vielen. Sondern Würde ist die existentielle Grundlage für jeden Menschen, egal wo er lebt, wo er herkommt und welche Geschichte er mitbringt. Würde ist die Substanz der Seele, die Gott jedem Menschen mit auf den Weg gab. Zu dieser Würde hilft weder Mangel noch Überfluss. An beidem geht die Seele zugrunde. Das Maß für die Würde lautet: „So viel du brauchst.“

Was brauchen Sie? Wann haben Sie genug? Wovon haben Sie zu viel? Woran haben Sie Mangel? Unsere Gottesdienste und Gesprächsgruppen bieten die Möglichkeit, der Seele Nahrung zu geben oder im Austausch mit anderen Menschen Mangel und Überfluss auszugleichen. Sie sind immer herzlich eingeladen, nicht nur im September!

Ihre Pfrn. Dr. Mandy Rabe