Gedanken zum fünften Fastensonntag (Sonntag Judika, 29.3.2020)

Gedanken zum fünften Fastensonntag (Sonntag Judika, 29.3.2020)

Liebe Mitglieder unserer Kirchgemeinde, liebe Schwestern und Brüder im Herrn,

liebe Freunde nah und fern!

Mit dieser kleinen Andacht möchte ich Euch wieder einen ganz herzlichen Gruß ins Haus schicken.

Die Passionszeit, die wir in diesem Jahr wohl alle viel bewusster wahrnehmen und viel tiefer erleben als sonst, geht ihrem Ende entgegen. Wir stehen in der fünften Woche, haben gestern den Sonntag Judika gefeiert. Judika, das ist lateinisch und bedeutet übersetzt „Schaffe mir Recht“. Das hat Christus für uns getan. Er hat uns Recht verschafft, vor Gott gerecht gemacht, draußen vor dem Tor, am Kreuz, auf dem Todeshügel Golgatha.

Davon erzählt auch ein Bibeltext aus dem Hebräerbrief: „Jesus hat damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor. So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager und seine Schmach tragen. Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“ Jesus Christus ist zu uns auf die Erde gekommen, geboren in einem Stall. Konsequent ging er seinen Weg. Er lebte unter ganz normalen Menschen, sammelte eine Schar Jünger um sich und hatte oft Gemeinschaft mit denen, die draußen waren, mit den Ausgestoßenen, den am Rande Lebenden, den Armen, Kranken und Einsamen. Dabei überschritt er auch Grenzen, hinterfragte fest gefahrene Tradition, setzte sich um der Menschen willen auch über Ordnungen hinweg. Oft widersprach er den Mächtigen und religiösen Führern, redete ihnen ins Gewissen. Konsequent ging Jesus seinen Weg. Er brachte den Menschen Gottes frohe und befreiende Botschaft mit. Die Botschaft einer grenzenlose Liebe und Barmherzigkeit.

Alle Menschen sind von Gott geliebt. Jeder ist eingeladen und darf zu ihm kommen. Keiner muss draußen bleiben. Das hat Jesus in seiner Verkündigung immer wieder betont, mit seinen Wundern, seinen Taten und Heilungen auch gezeigt. Doch all das stieß nicht überall auf Gegenliebe. Jesus fand nicht nur offene Ohren und Herzen. Sein Verhalten störte manchen. Seine Reden wirkten beunruhigend. Er erlebte Enttäuschung und Ablehnung, ja sogar Hass und Feindschaft. Doch er ließ sich dadurch nicht entmutigen. Konsequent ging Jesus seinen Weg, bis zum bitteren und grausamen Ende. Draußen vor dem Tor, da stand sein Kreuz. Dort auf dem Todeshügel Golgatha starb Christus für uns Menschen, auch für sich und für mich.  Er starb, damit wir frei werden von Schuld und Sünde, damit wir Rettung und Erlösung finden, damit wir heil werden an Leib und Seele. So machte Christus uns gerecht. So versöhnte er uns mit Gott.   

Golgatha, draußen vor dem Tor: ein Ort des Todes und des Grauens, der Gewalt, der Schmerzen und der Schreie, der Einsamkeit, der Angst und der Verlassenheit. Solche Todesorte gibt es viele auf unserer Welt. Da sind die Kriegschauplätze in Syrien und Jemen, die immer wieder von Dürrekatastrophen und anderen Plagen heimgesuchten Regionen Afrikas, die Leidenden in den Folterkellern und Todeslagern. Doch momentan tritt  all das in den Hintergrund.

Derzeit scheint es, als läge die ganze Welt unter einer solch lähmenden Todesglocke namens Corona. Das Leben steht still. Schulen, Kindergärten, Gaststätten, Läden, kulturelle Einrichtungen und Sportstätten sind geschlossen. Es gibt Ausgangsbeschränkungen. Die Sozialkontakte sind stark eingeschränkt. Auch das kirchliche Leben muss derzeit Pause machen. Gottesdienste können momentan keine mehr stattfinden, auch nicht in der Karwoche und zu Ostern. Das schmerzt uns, tut uns weh. Ängste und Sorgen beunruhigen uns. Bange Fragen gehen uns durch den Kopf. Unsicher schauen wir in Richtung Zukunft. Noch immer steigen die Zahlen der Infizierten, auch derer, die daran sterben.

Mancher stellt sich vielleicht gerade jetzt wieder die Frage: Wo ist Gott? Warum lässt er das alles zu? Warum tut er nichts? Ganz ähnlich haben übrigens auch die Jünger gefragt, als sie auf dem See Genezareth in einen heftigen Sturm gerieten und Jesus seelenruhig im hinteren Teil des Bootes schlief: „Meister, kümmert es dich nicht, dass wir zugrunde gehen?“

Wenn wir aber auf den Hebräerbrief schauen, ahnen wir die Antwort. Jesus ist da, mitten im Sturm auf dem See Genezareth. Er ist bei seinen Jüngern, steht ihnen helfend zur Seite. Der Sturm legt sich. Das Meer wird wieder ruhig. So ist auch Gott da, mitten in den Stürmen unserer Zeit und unseres Lebens. Er ist draußen vor dem Tor, mittendrin in dieser Welt, mittendrin in all dem Dunkel und der Not, mittendrin in der gegenwärtigen Krise der Coronapandemie. Gott ist gerade jetzt ganz nah bei uns. Er ist bei denen, die sich Sorgen machen, die Angst haben, die verunsichert und düster in die Zukunft schauen. Er ist bei denen, die Zuversicht ausstrahlen, die anderen Mut machen und Hoffnung wecken, die ein gutes Wort weitergeben und andere aufrichten. Er ist bei denen, die in den Laboren arbeiten, bei denen die nach einem Impfstoff und Medikamenten forschen. Er ist bei denen, die sich aufopfern und einsetzen, besonders auch in den Krankenhäusern, den Alten- und Pflegeheimen. Er ist bei denen, die Verantwortung tragen und täglich neue Entscheidungen treffen müssen. Er ist auch bei denen, die mit ihren Kräften am Ende sind. Er ist bei den Einsamen und Verlassenen, bei den Kranken und Sterbenden. Gott ist bei denen, die ihre Hände falten und beten.

Ja, Gott ist da, draußen vor dem Tor, mittendrin in dieser Welt. Es gibt keinen gottverlassenen Ort, nicht auf dieser Welt, nicht in unserem Leben, nicht in dieser Zeit! Doch seine Macht, seine Kraft und Stärke, seine Nähe zeigt sich eben meist in der Stille. Und gerade das macht es uns Menschen oft so schwer. Ja, Gott ist da, draußen vor dem Tor, mittendrin in dieser Welt, mittendrin in unserem Leben, mittendrin in den Krisen und Ausnahmesituationen, in all dem Dunklen und Schweren, in all der Not. Er ist mittendrin im Leid. Gott lässt niemanden allein. Doch das erkennt man eben oft nicht mit den Augen. Das steht nicht sichtbar vor uns. Darüber berichten keine Nachrichten. Es ist eine Erfahrung, die man nur im Glauben und im Vertrauen macht. Ganz viele Menschen haben es schon erlebt und mancher von uns sicher auch: Gott ist da, ganz nah bei uns. Er leidet mit, lässt niemanden allein, der um Hilfe und Erbarmen fleht. Der Blick auf das Kreuz kann uns helfen und dessen gewiss machen. Christus ist dem Leid und dem Tod nicht ausgewichen. Er hat beides auf sich genommen. Christus ist in die tiefste Tiefe hinab gestiegen um uns in den eigenen Tiefen nahe zu sein.

Vielleicht hilft uns in besonderen Nöten, in Zeiten von Krisen, Anfechtungen, Ängsten und Unsicherheiten aber auch die Erinnerung an die eigene Taufe. So wie es schon Martin Luther praktiziert hat. „Ich bin getauft!“ Das steht unumstößlich fest. Niemand macht mir das streitig. Nichts kann mich davon trennen. Warum ist die Erinnerung an die Taufe so wichtig? In schweren Zeiten, wie wir sie momentan erleben, ist dreierlei besonders schlimm:

Da ist die Einsamkeit, die uns befällt.

Hinzu kommt die Angst um das eigene Leben und das der Nächsten.

Die Angst vor dem, was noch kommen kann.

Schließlich das Gefühl, dass ich nichts tun kann, dass scheinbar nichts mehr in meiner Hand liegt, dass ich so machtlos, so hilflos bin.

Genau dann ist die Erinnerung an die Taufe so unendlich wichtig und wertvoll, so unheimlich hilfreich.

Die Taufe sagt mir: Ich bin ganz fest mit Gott verbunden. Er hat Ja zu mir gesagt und sagt es immer wieder. Ich darf sein Kind sein, finde bei ihm Zuflucht, Ruhe, Geborgenheit und Frieden. Er hält mich fest, lässt mich nicht allein. Er tröstet und stärkt mich, schenkt mir neuen Mut und neue Hoffnung, richtet mich immer wieder auf. er begleitet mich auf allen Wegen, ist mir zu allen Zeiten und in jeder Situation nahe. Schützend und segnend ist seine Hand über mir. Und durch das Gebet gibt es zwischen Gott und mir eine ganze enge Verbindung. Wo die Angst mich überfällt, wo ich sorgenvoll nach vorn schaue, darf ich mich an meinen himmlischen Vater wenden, mit ihm im Gebet reden, zu ihm flehen. Ich darf beten für meine Mitmenschen, für diese Welt, für mich selber. Und auch wenn ich meine nichts mehr tun zu können, kann ich dennoch meine Hände falten und Gott bitten, dass er mir den richtigen Weg weißt, dass er mir zeigt, was noch möglich ist. Auch Jesus hat es genauso getan. Lassen wir uns dazu immer wieder einladen.

Der Hebräerbrief gibt uns aber noch etwas mit auf den Weg: „So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager und seine Schmach tragen. Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“ Hier geht es um die Nachfolge, die immer auch Kreuzesnachfolge bedeutet. Wenn wir in diesen Tagen an den Leidensweg Jesu denken, dann gehen auch wir mit nach draußen, an den Ort der Schmach, des Leidens und des Todes. In einer Auslegung zum Bibeltext heißt es: „Draußen vor der Tür stehen wir bei Christus, da stehen wir bei den Armen, den Leidtragenden, den Einsamen, den Alten und Kranken und Schwachen.“

Auch jetzt in dieser Zeit können wir bei denen draußen sein. Wir können für ältere Menschen Einkäufe erledigen, miteinander telefonieren, Karten, Briefe oder Mails schreiben, der Verkäuferin an der Supermarktkasse einfach mal Danke sagen oder jemand ein kleines Lächeln schenken. Wir können um der Schwächeren willen auch mal verzichten und zurückstecken. Und, ganz wichtig, wir können füreinander beten. Ja, wir alle können viel tun für die, die „draußen“ sind, je nach unserer eigenen Begabung und Kraft, gerade auch jetzt in diesen so notvollen Tagen und Wochen. Als Christen haben wir einen Auftrag und der heißt Nachfolge. Mit Blick auf Jesus leben und Gutes tun!

Deshalb gehen wir mit Christus raus aus unseren Mauern und Grenzen. Draußen vor der Tür ist unser Platz. Dort werden wir Menschen finden, die unsere Zuwendung und unsere Hilfe brauchen. Und dort werden wir auch Christus finden, der uns allen Recht schafft und die Welt versöhnt. Solange wir hier auf der Erde unterwegs sind, dürfen wir dieses so wundervolle und manchmal auch so schwere und mühsame Leben voll ausschöpfen und unseren Teil dazu beitragen, dass auch andere leben können und nicht draußen vor dem Tor bleiben müssen. Unser Leben ist Geschenk und Auftrag zugleich.

Gott traut uns viel zu. Nutzen wir unsere Möglichkeiten. Vielleicht hilft uns ja diese Krisenzeit der Coronapandemie, dass wir wieder aufmerksamer füreinander werden, dass die gegenseitige Solidarität wieder stärker in den Mittelpunkt rückt, dass wir uns wieder auf das Wichtige und Wesentliche besinnen, vielleicht auch im Bezug auf unseren Glauben. Und hoffentlich behalten wir es auch danach, wenn diese notvolle Zeit zu Ende sein wird, bei.

Das wünsche ich mir selber und uns allen. Stehen wir einander bei mit dem, was in unseren Kräften und Begabungen liegt, auch wenn wir momentan räumlich voneinander getrennt sind. Bleiben wir in allem zuversichtlich und hoffnungsvoll. Vertrauen wir auf Gottes Hilfe und seinen Beistand. Wir sind nicht allein, nicht allein gelassen, nicht verlassen. 

So wünsche ich Ihnen und Euch eine behütetet und gesegnete fünfte Passionswoche. Bleibt gesund und Gott befohlen, bis wir wieder voneinander hören.

Seid herzlich gegrüßt   

Ihr/ Euer Pfr. Michael Goll

Angemerkt: Wir wollen gerade jetzt in der dunklen und notvollen Zeit der Coronapandemie Hoffnungszeichen setzen und leuchten lassen. Deshalb möchte ich Euch ermutigen und einladen: Stellt einen Schwibbogen ins Fenster! So wie die Bergleute ihre Sehnsucht nach dem Licht zum Ausdruck brachten, so wollen auch wir es tun. Bringt unsere Orte zum Leuchten! Lasst ein Licht der Hoffnung hinaus in die Dunkelheit strahlen! So zeigen wir, dass wir nicht resignieren, sondern zuversichtlich und hoffnungsvoll nach vorn schauen.